Ein Waffenrad muss nicht klobig sein - article about Walter Ulreich

edited July 9 in Rad Culture

Zweiradforscher Walter Ulreich weiß fast alles über die alten Steyr-Waffenräder, kennt Luxusausführungen und schwarze Rennmaschinen made in Steyr. Familie Hrinkow hat Grün als Markenzeichen und darf ruhigen Gewissens als radsportverrückt bezeichnet werden

Über Stock und Stein, die Bordsteinkante, oder bis zum nächsten Geschäft – das Mountainbike ist zum unverwüstlichen fahrbaren Standard-Untersatz geworden. Für Schulkinder genauso wie für Downhill-Profis. Die Geburtsstunde der Räder mit den dicken Reifen ist Anfang der 1970er-Jahre in den USA: Eine Gruppe verrückter Radsportler rund um Gary Fisher schraubte die ersten Prototypen zusammen, die anfangs mehr als 20 Kilo wogen, und daher nur zum Hinunterwetzen eines Schotterhanges geeignet waren.

Ob Radgenuss oder Rennsport, auch Österreich hat in Sachen Radmarken einiges vorzuweisen. Vom Steyr-Waffenrad bis Puch.

Mit der Geschichte des Waffenrades aus Steyr hat sich Walter Ulreich (59) intensiv auseinandergesetzt. Er hat ein Buch „Das Steyr Waffenrad“ geschrieben und sogar in Japan Vorträge über dieses Thema gehalten. Ulreich räumt gleich mit einem Mythos auf: „Nicht alles was schwarz und schwer ist, ist automatisch ein Waffenrad“. Da habe es neben den klobigen Alltagsgefährten auch elegante Luxusausführungen made in Steyr gegeben sowie windschlüpfrige Rennmaschinen.

Die Bezeichnung Waffenrad hat nichts mit Kriegsgerät zu tun. „Die Waffenproduktion steckte Ende des 19. Jahrhunderts in der Krise, die Firmen wie die damalige Österreichische Waffenfabriksgesellschaft (später Steyr-Daimler-Puch AG) suchten nach Alternativen, fertigten Glühlampen, Nähmaschinen oder Fahrräder.“

Ulreich hat herausgefunden, dass die ersten Steyr-Waffenräder Nachbauten waren. „Man hatte eine Lizenz aus England erworben.“ Gut ein Jahr später hatten die Steyrer Konstrukteure und Metallfacharbeiter viele technische Verbesserungen vorgenommen und eigene Patente angemeldet.

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 war die Fahrradproduktion ein lukratives Geschäft. Mit der Fusion von Austro-Daimler-Puch mit der Steyr AG wurde die Fahrradproduktion von Steyr, wo beinahe alle Radkomponenten in Eigenproduktion gefertigt wurden, nach Graz in das Werk Thondorf verlegt. „Als Grund dafür vermute ich Auswirkungen der Wirtschaftskrise und politische Einflussnahme“, sagt Ulreich, der im Juni mit dem Rad 1600 Kilometer vom südlichsten bis zum nördlichsten Punkt Englands treten will.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es je nach Ausführung und Einzelteilen ähnliche Räder, entweder als Steyr- oder Puchmodell. Rennräder der Marke Puch waren in den 1970er-Jahren das Maß der Dinge. 1987 wurde die gesamte Fahrradfertigung der Steyr-Daimler-Puch AG an die italienische Firma „Piaggio“ verkauft. „Wären nicht einige Mitarbeiter aufmerksam gewesen, wäre das gesamte Archiv damals einfach verschwunden“, sagt Ulreich. Der Radfachmann hat ein zweites Buchprojekt über die Marke „Puch“ zur Hälfte fertig, wenn er nicht Rad fährt, an seinen Oldtimer-Rädern bastelt oder Markenforschung betreibt – dann sammelt er „Fotoapparate und Taschenuhren“.

Der Steyrer Klaus Randig war von 1980 bis 2000 Prokurist in den Steyr-Werken. „Den Verkauf der Radsparte haben die Mitarbeiter in Steyr und Graz aus der Zeitung erfahren.“ Für viele Hackler war dieser Ausverkauf, der obendrein ein Verlustgeschäft gewesen sein soll, wie ein Schlag in die Magengrube. Das Unverständnis war gerechtfertigt: Wenig später sollte der Freizeit- und Radboom voll einsetzen. Heute gibt es E-Bikes, die in Farbe und Form den Waffenrädern von damals ähnlich sind, zu kaufen.

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